Wohnen

Foto: Cornelia Suhan/CBP

In den verschiedenen Wohngruppen ist immer etwas los – ob bei der WG mitten in der Stadt, beim Gärtnern in den eigenen Hochbeeten oder bei der stadtweiten Aktion „SauberZauber“.

Mitten im Geschehen

Von Ute Engelhardt, Geschäftsführerin Franz Sales Wohnen GmbH

„Die Pizza ist da!“ Laut schallt der Ruf durch die Flure der Wohngemeinschaft in der fünften Etage des Generationenkulthauses (GeKu-Haus) in der Essener Innenstadt. Wenige Minuten, jede Menge Tellergeklapper und Stühlerücken später sitzen vier junge Männer und zwei ältere Damen gemeinsam mit zwei Mitarbeitenden am gedeckten Tisch und lassen sich ihr Abendessen aus der Pizzeria um die Ecke schmecken.

Dass es heute Pizza gibt, ist das Ergebnis der wöchentlichen Essensplanbesprechung, die – wie viele andere alltägliche Anforderungen – von den Klientinnen und Klienten möglichst selbstständig erledigt wird. Teilhabe nach Maß bedeutet im WG-Zusammenleben: Jeder bringt sich nach seinen Möglichkeiten ein und erhält die notwendige Unterstützung bei den Dingen, die er nicht alleine kann. Dabei gilt es neben den anfallenden Arbeiten im Haushalt auch Anforderungen wie Arztbesuche und Behördengänge zu bewältigen.

Im Oktober 2021 sind die Bewohnerinnen und Bewohner in die Innenstadt-WG eingezogen. Mit dem spannenden Wohnprojekt gehen wir neue Wege, um moderne Wohnformen in einem attraktiven Umfeld anzubieten. Dabei wurde der Standort mitten in der Stadt zuerst eher skeptisch beurteilt: Ist das nicht zu hektisch, zu wuselig, kaum zu kontrollieren? In so einer Situation droht der Blick auf die Risiken oft den Blick auf die Chancen zu verstellen – in diesem Fall auf die Chance, die Klienten weiter zu befähigen und ihren Vorstellungen von Lebensqualität gerecht zu werden. Die vier jungen Männer zwischen 19 und 32 Jahren, die zuvor noch nicht in einer WG gelebt haben, machen hier ganz neue Erfahrungen. In der gemischten Gruppe mit den alten Damen lernen alle ständig voneinander – vom Stricken bis zu den Lieblingsliedern der jeweils anderen.

Für neue Erfahrungen sorgen auch die Begegnungen mit den Nachbarn im GeKu-Haus, das explizit integrativ ausgerichtet ist und in dem laut eigener Beschreibung ein „bunt gemischter Haufen von Menschen aus allen möglichen Ländern, Glaubensrichtungen und Altersgruppen“ lebt. Hier wurden die neuen Bewohnerinnen und Bewohner sehr gut aufgenommen, anfängliche Berührungsängste sind schnell einem lebendigen Austausch mit den anderen Mietern gewichen. So nehmen die Klientinnen und Klienten längst ganz selbstverständlich an den monatlichen Hausversammlungen im großen Gemeinschaftsraum teil.

Der gelungene Start des innovativen Wohnprojekts ist ein Beispiel dafür, wie sich das oft zitierte „System“ an die Bedürfnisse der Menschen anpassen lässt. Beim Standort und der Gestaltung der Lebens-Räume fängt die Personenzentrierung an, die natürlich von allen Mitarbeitenden mit Herz und Kopf gelebt werden muss. Unser Ziel ist es, die Bedarfsermittlung und Teilhabeplanung noch individueller zu gestalten. Warum soll eine Besprechung mit einem Klienten nicht mal während einer Autofahrt stattfinden, wenn er sich dabei gut entspannen und auch auf schwierige Themen einlassen kann! Vieles ist möglich, um echte Teilhabe zu gestalten.

Die Anstrengungen, die wir im vergangenen Jahr unternommen haben, um den personenzentrierten Ansatz in allen Teams zu forcieren, zeigen schon jetzt Wirkung. Diese Wirkung wollen wir in Zukunft noch stärker entfalten. Wenn man bei der WG im GeKu-Haus mit den Bewohnern auf der riesigen Terrasse über den Dächern von Essen steht, fallen einem keine Einwände mehr ein, warum nicht auch Menschen mit geistiger Behinderung und individuellem Unterstützungsbedarf mittendrin sein und ihr Leben genießen können.

Innovatives Wohnprojekt geht neue Wege in spannender City-Umgebung.

kurz & kompakt

Hohe Nachfrage: Die Aufnahmeanfragen im Kinder- und Jugendbereich der Franz Sales Wohnen GmbH sind 2021 sehr stark gestiegen. Daher steht nun eine Mitarbeiterin ausschließlich für die Belegung der vorhandenen Plätze sowie für die Unterstützung der jungen Erwachsenen zur Verfügung, die aus einer Jugendgruppe aus- und in eine andere Wohnform einziehen. Als Ansprechpartnerin für Eltern und Jugendliche, Kostenträger und Behörden kümmert sie sich um alle organisatorischen und persönlichen Fragen.

Erwachsen werden: Sehr attraktiv für junge Erwachsene, die gerne von zu Hause ausziehen möchten, sind unsere ambulant betreuten Wohngemeinschaften. Zwei dieser WGs sind 2021 aus dem Kinder- und Jugend- in den Erwachsenenbereich überführt worden. Im Laufe der persönlichen Entwicklung gibt es immer wieder Umzugswünsche, die mit Unterstützung des Bereichs ABW dann auch realisiert werden.

Führungswechsel: Ende 2021 hat sich Karin Kacem als Geschäftsführerin der Heimstatt Engelbert in den Ruhestand verabschiedet. Ihre Nachfolge hat Ute Engelhardt, Geschäftsführerin der Franz Sales Wohnen GmbH, übernommen. Sie bildet nun gemeinsam mit Hubert Vornholt die Geschäftsführung der Heimstatt Engelbert Jugend- und Behindertenhilfe, die 387 Menschen ein Zuhause in verschiedenen Wohnformen bietet.

Mitbestimmung: Bei der Heimstatt Engelbert wurde 2021 ein neuer Bewohnerbeirat gewählt. Die neue Vorsitzende Sabrina Littawe (Foto) und acht weitere Frauen und Männer bilden den Beirat, der alle Klientinnen und Klienten dazu eingeladen hat, wichtige Themen und Anregungen einzubringen. Im Kinder- und Jugendbereich der Franz Sales Wohnen GmbH stärkt der neu geschaffene Kinderrat die Partizipationsmöglichkeiten. Insgesamt zehn junge Leute gehören dem Gremium an. Jeweils eine Person aus jeder Wohngruppe vertritt die Interessen ihrer Mitbewohnerinnen und -bewohner. Zwei Mitarbeiterinnen unterstützen den Kinderrat und moderieren die monatlichen Treffen.

Freizeit: Die neue Pinte konnte für Bewohnerinnen und Bewohner ihre Türen öffnen, was viele dankbar angenommen haben. Über den neuen Probenraum über der Pinte freut sich die inklusive Band „Dr. Mahockta“, die trotz Pandemie neue Mitglieder gewinnen konnte. Für 2022 plant das Freizeit-Team ein digitales Angebot: Eine Mediathek mit „Franz TV“-Beiträgen, Fotos, Events etc. soll künftig den Klientinnen und Klienten für Information und Unterhaltung zur Verfügung stehen.

Personenzentrierung: Veränderungen anstoßen und gemeinsam mit den Klientinnen und Klienten die Lebensqualität verbessern – dazu hat sich das Team im Haus Damian/Schwanenbuschstraße 104 auf den Weg gemacht. Bauliche, pädagogische und auch wirtschaftliche Aspekte wurden analysiert und in Zusammenarbeit mit verschiedenen Bereichen des Franz Sales Hauses neu gedacht. An der Umsetzung des neuen Konzepts sind die Bewohnerinnen und Bewohner maßgeblich beteiligt: Angefangen beim Mitwirken an der gemeinsamen Auswahl neuer Vorhänge bis hin zu tiefgreifenden Entscheidungen für das eigene Leben lernen sie mit Unterstützung des Teams, ihre Meinung zu vertreten und Entscheidungen zu treffen.

Endlich konnten Ausflüge wieder stattfinden, zum Beispiel zu einer Eselfarm.

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